Sag mal, Chris Cornell,
was ist eigentlich los mit Dir, Mann? Du warst mal ein richtiger Rocker, vor allem aber ein genialer Songwriter, der mit Soundgarden und Temple Of The Dog zeitlose Klassiker wie 'Black Hole Sun' oder 'Hunger Strike' geschrieben hat, die heute noch immer wieder gerne von hunderten Menschen ausgegraben, gehört und gecovert werden. Als Soundgarden und die 90er dann zu Ende gingen, hast Du alleine weitergemacht und mit "Euphoria Morning" ein grandioses Soloalbum veröffentlicht, auf dem Du mit Gitarre zum Teil tieftaurige und intime, aber niemals schnulzige oder peinliche Songs gesungen hast. Das war der große Teil Deiner Karriere. Danach ging es mit dem Stadion-Rockern von Audioslave, die leider viel schlechter als die Summe ihrer Teile waren und einem weiteren, leider viel weniger brauchbaren Soloalbum etwas bergab, auch wenn zwischendurch immer wieder Dein zweifellos noch vorhandenes Talent aufblitzte.
Als dann aber das Angebot zu dem James-Bond-Song kam, den Du ziemlich vergeigt hast, scheinen bei Dir ein paar Sicherungen durchgebrannt, respektive so etwas wie eine Midlife-Crisis ausgebrochen zu sein. Oder vielleicht hast Du auch nur plötzlich wieder junge Mädchen und viel Geld bekommen und Gefallen daran gefunden. Eine andere Erklärung kann ich jedenfalls nicht dafür finden, dass Du Dir für Dein neues, drittes Album ("Scream" soll das Teil heissen) ausgerechnet den eigentlich ja sehr talentierten, nur in Bezug auf Dich doch völlig inkompatiblen, stylishen Produzenten Timbaland ins Boot geholt hast. Natürlich, es scheint ein bisschen wie ein Klischee, wenn ein eigentlich eher gitarrenfixierter Typ wie ich es schlecht findet, wenn ein Rocker zum hippen PopHipHop-Star mutiert. Aber, hey, ganz ehrlich: Ich war verdammt gespannt auf das Ergebnis der Zusammenarbeit. Ich hatte gedacht: Das könnte eigentlich richtig originell werden. Aber als ich dann aber den ersten, eher durchschnittlichen Pop-Song 'Ground Zero' zu Ohren bekam, wurde mir ganz leicht übel, denn der Track, der ein paar mit Beats imitierte Gitarren im Hintergrund hat, besteht im Grunde nur aus ein paar immer wieder wiederholten Zeilen, aus denen Du früher höchstens einen Refrain, nie aber einen ganzen Song gemacht hättest. Zum zweiten veröffentlichten Track, namentlich ein Stück namens 'Part Of Me' hast Du dann ein schmuckes Video gedreht, bei dem mir gänzlich schlecht wurde, denn darin sieht man Dich in einer richtig coolen Bar mit ganz vielen tanzenden Frauen. Du sitzt da im Anzug der Ecke und singst doch tatsächlich Zeug wie "That bitch ain't a part of me", während die vermeintliche Bitch mit dem Arsch wackelt. Sag mal, Chris, ist Dir eigentlich klar, dass Du ein alternder Rockstar bist und nicht der nächste 50 Cent? Das Zeug, dass Du gerade machst, wird sich vielleicht ja sogar verkaufen, ist hitverdächtig, klar. Aber ob Du von diesen Songs auch in zehn Jahren noch regelmässig Schecks bekommst, wie es bei den alten Soundgarden-Alben sicher der Fall ist? Ob die schnelle Kohle und die Coolness es wert sind, all die Leute endgültig vor den Kopf zu stossen, die Dich als ernsthaften Musiker schätzen und schon lange darauf hoffen, dass Du endlich mal wieder ein paar gute Songs schreibst? Denk mal drüber nach.
In Deinem eigenen Interesse kann ich eigentlich nur hoffen, dass Du damit übelst auf die Schnauze fällst, dass die jungen Leute Dich doch nicht so cool finden, wie Du Dich selbst. So, bitch, bist Du jedenfalls kein part of me mehr, da kann der olle Timbaland im Hintergrund so viele rhythmische „Uh-Ahs“ vor sich hinstöhnen wie er will, sondern wirkst eher ein bisschen wie David Hasselhoff in seinem letzten Video. Nur ohne die Selbstironie.
Dein
Sebastian
Freitag, 5. Dezember 2008
Briefing (XVIII)
Sonntag, 23. November 2008
Briefing (XVII)
Liebe GEZ,
warum seid ihr eigentlich immer so kompliziert? Die Sache ist doch an sich ganz einfach: Ich bin kein Rundfunkteilnehmer, ihr kriegt von mir kein Geld und ich bin als Nicht-Rundfunkteilnehmer auch nicht verpflichtet, euch irgendwelche Auskünfte zu erteilen, weder schriftlich noch an Wohnungstür.
Wenn ihr mir dann einen euerer Gebührenfahnder nach Hause schickt, weil ich die Bettelbriefe grundsätzlich in die Rundablage (ironisch: Papierkorb) packe, und ich dem Herrn genau das mitteile, dieser den Sachverhalt aber von mir unterschrieben haben will, dann schicke ich ihn selbstverständlich ohne Unterschrift wieder seines Weges (denn, ich widerhole mich: Ich bin nicht auskunftspflichtig, so sagt es der Rundfunkstaatsvertrag) und ihr kriegt natürlich zusätzlich wieder einmal eine Beschwerdemail von mir. Wenn ihr dann aber behauptet, ich wäre im Falle eines Besuches doch auskunftspflichtig, falls „berechtigte Anhaltspunkte“ vorliegen, dass ich Rundfunkgeräte besitze und dass diese Anhaltspunkte eigentlich schon damit erfüllkt wären, dass „heute bereits jedes Kind im Alter von 6 Jahren im Haushalt der Eltern Radio und Fernsehen konsumiert“, dann komme ich mir etwas veräppelt vor, denn in diesem Falle wäre die ganze Anhaltspunkteklausel des RStV doch sowieso überflüssig, oder besucht ihr etwa auch Kinder unter 5 Jahren zu Hause und habt bei denen dann ausnahmsweise keinen Verdacht? Na ja, wie dem auch sei: Das nächste Mal gibt’s halt doch wieder direkt ein Hausverbot.
Und falls irgendwann, in einer weit entfernten, theoretischen Zukunft zufällig meine Kinder, egal ob unter oder über 6 Jahren die Tür öffnen sollten: Bei mir im Haushalt konsumieren die gar nix.
Euer
Sebastian
Samstag, 27. September 2008
Briefing (XVI)
Dear Laura,
ich habe noch nie eine Arbeit gekündigt. Nein, wirklich: Alle meine Jobs habe ich bisher entweder so lange gemacht, bis die jeweilige Arbeit erledigt war, die Firma pleite ging oder ich aus sonstigen Gründen nicht mehr gebraucht wurde.
Warum erzähle ich Dir das? Nun, ich hatte mich vor ein paar Wochen auf eine Anzeige von Dir gemeldet, in der Du explizit eine "Schreibkraft" suchtest. Ich traf mich ein paar Tage später mit Dir am Bahnhof, traf eine etwas schrullige, aber doch zunächst sympathische alte Dame, die mir von ihrem Leben erzählte und von einem Sonderauftrag, der noch vor der Schreibsache zu erledigen wäre. Ich sollte Dich zu einem Gerichtstermin begleiten. Du wurdest angeblich um viele Tausend Euro betrogen und hattest den Verdacht, dass Dein Anwalt von der Gegenseite geschmiert würde, deswegen sollte ich als Zeuge mitkommen. Ich war zwar ein klein wenig irritiert, kam dann aber doch zu dem Termin. Noch mehr irritierte mich, dass Du dort eine zweite Person, ebenfalls Studentin, hinbestellt hattest, damit die Sache "noch genauer dokumentiert würde" und dass der Prozess eigentlich gar nicht öffentlich war, weshalb nicht nur die Richterin genervt davon war, dass Du uns dorthin hingeschleppt hattest. Darüber, wie Du vor Gericht ausgeflippt bist und Sachen gesagt hast, die gar nichts mit dem Prozess zu tun haben, will ich gar nicht anfangen, es begreift einfach nicht jeder eine juristisch komplizierte Verhandlung, die auch noch mit Insolvenzrecht zu tun hat. Dass Du mich aber anschließend mit zu Dir nahmst, um weitere Tätigkeiten zu erledigen, die im Grunde nur aus Einkaufen und Staubsaugen bestanden, machte mich ein bisschen ärgerlich, denn als Haushälterin hatte ich mich ja nun nicht beworben. In Deiner großzügigen Art gabst Du mir dann am Ende 30 Euro für die 5 Stunden, die ich ohne An- und Abfahrt für Dich unterwegs gewesen war, obwohl wir einen Stundenlohn von 10 Euro vereinbart hatten.
Nun, eigentlich kam ich schon an diesem Tage zu dem Schluss, dass die ganze Sache ein Fehler wäre, aber wie der Mensch so ist, vergaß ich in der Folge die negativen Dinge und ging daher, nach einer Woche, wieder ans Telefon als Du anriefst. Dieses Mal warst Du Dir ganz sicher, dass inzwischen auch die Richterin in die Verschwörung gegen Dich involviert wäre, Du lachtest ziemlich irre, als ich meinte, dass ich mir das nicht vorstellen könne und wolltest mich nicht nur erneut zu dem Prozess schicken, diesesmal gar alleine, sondern hattest außerdem die Idee, dass ich ja Deinen Prozessgegner beobachten oder per Internet ausspionieren könnte, "wie ein Privatdetektiv". Anschließend könne ich ja noch Deine Wohnung putzen. Du musst verstehen, dass ich weder in die kleine Welt Deiner Wahnvorstellungen hineingezogen werden will noch irgendetwas putzen, und dass es mich außerdem wirklich rasend macht, wenn ich bemerken muss, dass Du bereits eine neue Anzeige aufgegeben hast, in der Du, wer hätte es gedacht, wieder eine "Schreibkraft" suchst, diesesmal aber für 8 Euro pro Stunde (natürlich bezahlst Du in Wahrheit noch weniger), weil Du offenbar schon gemerkt hattest, dass mir manche (alle) der Aufgaben unangenehm sind. Ich frage mich, der wievielte Mensch ich bereits bin, der sich auf diese Anzeige gemeldet hat.
Wie dem auch sei: Ich muss leider zu dem Schluss kommen, dass mich der Job bei Dir psychisch belastet (man weiß leider nie, auf welche Verrückten Ideen Du als nächstes kommst), dass er mir in Zuge meiner beruflichen Weiterentwicklung gar nichts bringt ("Einkaufen für eine paranoide alte Frau" passt nicht wirklich in meinen Lebenslauf) und noch nicht einmal finanziell lohnenswert ist. Nimm daher bitte hiermit meine Kündigung zu Kenntnis.
Sebastian
PS: Ich bin mir eigentlich fast sicher, dass Du jetzt zu dem Schluss kommen wirst, auch ich würde auch von der Gegenseite Deines Prozess bezahlt, denn dass ich nicht für Dich für Dich arbeiten will wegen Dir als Person: Das kann ja gar nicht sein. Oder?
Montag, 1. September 2008
Briefing (XV)
Lieber Will Smith,
versteh mich bitte nicht falsch: Ich mag die Filme in denen Du mitspielst eigentlich ganz gerne. Sie sind unterhaltsam, actionreich, oft mit sehenswerten Bildern unterfüttert, sie sind simples aber auf seine Art liebenswertes Popcorn-Kino und ich sehe sie mir gerne des Nachts an, wenn ich mit meiner Arbeit fertig bin und einfach nur abschalten will. Aber aus irgend einem Grunde hatte ich von dem Anti-Superhelden-Film "Hancock" mehr erwartet. Ich hatte gedacht, dass das Deine Paraderolle wäre, dass Du in dem Film nicht nur, wie man so oft liest, Dich im Grunde nur selbst spielst, sondern der Figur Leben einhauchst, gerade deswegen weil Dir die Rolle so steht. Genau das aber ist nicht der Fall. Allein die Eröffnungsszene, in der Du mit einem Hangover auf einer Parkbank erwachst, eine Verfolgungsjagd im Fernsehen beobachtest, einer Frau an den Po grabschen willst, könnte wirklich grandios sein, wenn Du sie nicht so hölzern mit Leben, oder besser mit bloßen Stereotypien und reinem Nichts, füllen würdest. Leider wird das auch im restlichen Film nicht besser, sondern es ist eher das Gegenteil der Fall: Du spielst nicht, Du bist einfach nur da. Typisch für Dein Engagement in dem ganzen Film ist wohl die Szene in der Bar, in der Deine Rolle in der Ecke sitzt, während im Fernsehen über sie berichtet wird und die alte Frau Dich ansieht, Du aber einfach stur weiter so lässig und cool rumhängst wie zuvor. Du bist in dem Film eine tragende Hauptrolle, die wie eine kleine Nebenfigur agiert und spielt. Und jetzt erzähl mir nicht, dass die Figur eben so angelegt war. Ein Typ wie Du hat sicherlich maximale kreative Freiheiten in der Ausgestaltung seiner Rollen, besonders dann, wenn Du, wie in diesem Fall, der einzige Star in einem Film bist und das Projekt im Grunde alleine trägst. Statt wie erwartet in der Rolle Deines Lebens warst Du in der traurigsten Verfassung, in der ich Dich je gesehen habe.
Ich will ja nicht ungerecht sein: Es ist sicher nicht Deine alleinige Schuld, dass "Hancock" trotz der ursprünglich guten Idee ein katastrophal schlechter Film geworden ist: Das Drehbuch ist mies, der Plot absolut vorhersehbar, die Dialoge langweilig, der Humor, den der Film dringend gebraucht hätte, ist schlicht und einfach nicht vorhanden, selbst sehenswerte Actionszenen fehlen völlig und leider werden auch die wenigen Ansatzpunkte für Tiefgang nur mit zwei bis drei pathetischen Worten und ein paar plätschernden Geigensamples abgehandelt, aber Du trägst sicher einen Großteil dazu bei, dass man als halbwegs intelligenter Zuschauer schon nach ein paar Minuten das Interesse an "Hancock" verliert und das nächste Mal lieber in einen Superheldenfilm geht, bei dem man vorher weiß, was man bekommt, weil die Hauptfigur bereits bekannt ist. So wird der auch Flop von "Hancock", der nach diesem kollektiven Versagen absehbar hätte sein müssen, sicher alles andere als dazu beitragen, dass neue, innovative Konzepte in Zukunft realisiert werden, was Dich indirekt auch dafür veranwortlich macht, dass X eigentlich gute Filmideen niemals das schummerige Kinodunkel erblicken werden.
Ach, Will, Du wirst sicher weiterhin einer der höchstbezahlten Schauspieler Hollywoods bleiben und wir werden uns wohl noch oft begegnen, schließlich drehst Du derzeit jedes Jahr mindestens einen dieser Filme, die ich mir weiterhin ansehen werde, aber wirklich davon überzeugen, dass Du Deinen Beruf beherrschst, konntest Du mich heute wieder einmal nicht. Vielleicht hättest Du Dir nochmal ansehen sollen, wie Bruce Willis (ja, ausgerechnet der) in "Unbreakable" absolut überzeugend all das rüberbringt, was Dir in "Hancock" an allen Ecken und Enden fehlt.
Dein Sebastian.
Samstag, 12. Juli 2008
Briefing (XIV)
Ich schreibe keine Abschiedsbriefe mehr, weil das Wort "Abschied" keinen Sinn hat, solange die betreffende Person nicht stirbt öder völlig von der Welt verschwindet. Ich meine, wir leben im Zeitalter von permanenter, digitaler Erreichbarkeit, oder? Ich kann Leute, die ich seit Jahren nichtmehr gesehen habe, jederzeit kontaktieren, wenn ich ihre Mailadresse habe. Wenn ich sie nicht habe, hilft in der Regel Google. Und wenn auch das nicht hilft, sind mindestens zehn andere Leute online, die wissen, wie man den Menschen erreicht, den man erreichen will. Ein Abschiedsbrief würde also nur Sinn machen, wenn ich sicher wüsste, dass ich den Menschen, dem ich diesen Brief schreibe, sicherlich nie wieder von mir aus kontaktieren würde und gleichzeitig sicher wäre, dass er mich nicht wieder kontaktiert und beides zugleich kann ich bei niemandem, dem ich kenne oder einmal kannte, ausschließen, wenn man von der einen Person absieht, die unter die im ersten Satz genannte Option fällt.
Was also schreibe ich dann? Einen „bis-dann“-Brief, wahrscheinlich. In drei Wochen ziehen wir hier weg. Unsere Wohnung ist wirklich schön. Liegt relativ zentral, ruhige, unspektakuläre Gegend. Wenn man von dort die paar Schritte zur U-Bahn-Station läuft, muss man eine Brücke über die Elbe überqueren, an der es ständig nach Kaffee riecht, weil in der Nähe eine Tschibo-Rösterei ist. Hamburg Hamm, einer der gefürchteten Ost-Stadtteile, wenn auch der bei weitem harmloseste. Ich habe Angst, wegzuziehen. Mein ganzer Freundeskreis, der bei weitem nicht so klein ist, wie man glauben würde, befindet sich in Bayern, in einem Radius von wahrscheinlich 200 Kilometern. Ich bin 26 Jahre alt und habe keine Berufserfahrung, dafür aber einen Haufen Schulden, die sich im Laufe meines Studiums angesammelt haben. Ich habe ein paar rudimentäre Talente, nicht wirklich in der Hinsicht ausgeprägt, dass man sie kommerziell nutzen könnte. Ich kann ganz gut photographieren, ein paar Grafikprogramme gut bedienen, ich habe im Laufe der Zeit einen eigenen Schreibstil entwickelt, ich bin in der Lage, zu beurteilen und schlüssig zu begründen, ob ein Film, ein Musikstück oder ein Buch brauchbar ist und wo es auf einer Skala von eins bis zehn Punkten anzusiedeln ist, aber ich habe keines dieser Talente so weiterentwickelt, dass man ich es auch beruflich nutzen könnte, wenn man von diversen kleineren Jobs absieht. Es gibt vermutlich Tonnen von Menschen, die das, was ich mache, ebenfalls können und zusätzlich in der Lage sind, Deadlines einzuhalten, die äußere Form zu wahren, ihren Stil konsequent und ohne Experimente weiterzuverfolgen und sich zu verkaufen. Das alles kann ich nicht. Es ist nicht so, dass ich es nicht versucht hätte, ganz im Gegenteil. Nur leider bin ich weder einer von diesen offensiven, grinsenden Gebrauchtwagenverkäufertypen noch einer von diesen überkorrekten, archkriechenden Strebern im Anzug. Ich bin introvertiert. Künstler. Ob das reicht, um einen Job zu finden?
Ich schweife ab. Thema dieses Briefes, der von einem Brief an eine spezielle Person zu einer Art offenem Brief geworden ist, ist die Tatsache, dass ich zum ersten Mal in diesem Leben für mehr als nur eine handvoll Monate die Orte verlasse, an denen ich die Menschen, die für mich von Bedeutung sind und meine Erinnerungen befinden. Ich bin im Grunde von diesen Dingen abhängig, auch wenn ich zur Einsiedlei neige. Ich mag es, so paradox das klingen mag, am liebsten, wenn ich zu drei Parties eingeladen werden, die direkt in der Nachbarschaft stattfinden und ich dann absagen kann, um zu Hause vor dem Computer zu sitzen. Es ist eher die Möglichkeit von Geselligkeit, die mich anspricht als die reale Ausübung derselben. Das wird in meiner neuen Heimatstadt, die von Millionen von Menschen bevölkert wird, sicherlich nicht so einfach sein. Menschen neu kennen zu lernen bedeutet immer auch, dass man viel Zeit mit ihnen verbringen muss. Wer drei mal absagt, gehört schon zur Vergangenheit. Aber was auch immer dort auf mich wartet, wo ich hingehe: Ich muss weg von hier. Ich muss es aus zwei Gründen tun: Der erste Grund ist der, dass es meine letzte Chance ist, den drohenden Bürgertum zu entkommen. Ich weiß, wie melodramatisch sich das anhört, aber es ist die blanke Wahrheit. Ich würde es später nicht mehr schaffen. Wenn ich erst mit dem Studium fertig bin, würde ich mitten in der bayerischen Provinz einen Job anfangen, den ich hassen würde und in dem ich von inkompetenten Menschen umgeben wäre, die mich ankotzen und würde trotzdem weiter und weiter manchen, bis ich irgendwann alt und verbittert wäre. Ich würde vielleicht irgendeine Frau kennenlernen und heiraten, ein paar Kinder zeugen und irgendwann feststellen, dass mein Leben genau zu dem geworden ist, was ich immer als schlimmsten Alptraum (ja, mit P, verdammt) im Kopf hatte. Provinziell und spießbürgerlich. Und zu weit weg von Meer. Der zweite Grund, der mich dazu zwingt, von hier wegzuziehen, ist ein wunderschönes Mädchen, das einen Vornamen trägt, der aus dem friesischen stammt und „kleiner Schwan“ bedeutet. Ich liebe dieses Mädchen schon fast seit dem Abend, an dem ich es kennenlernte, auch wenn ich nie zugeben würde.
Und weil das hier kein Abschiedsbrief ist, werde ich auch keine Abschiedsformeln finden. Und ich werde auch niemanden, nicht einmal in unpersönlicher Form, direkt adressieren. Die Menschen, die mich kennen, die Menschen die ich kannte und die Menschen, die ich leider nie so kennengelernt habe, wie ich es wollte (das dauert bei mir immer Jahre) werden wissen, dass dieser offene Brief an sie gerichtet ist. Dieser Brief ist an jeden gerichtet, der sich von ihm angesprochen fühlt. Und falls jemand von diesen Menschen irgendwann vorhatte, sowieso mal Hamburg anzugucken oder Urlaub in der Nähe zu machen, ist er hiermit herzlich eingeladen, mir zu schreiben und unsere Couch als Schlafplatz zu nutzen. Man könnte zusammen auf der Reeperbahn ein paar Bierchen trinken, im Hafen rumhängen oder irgendein Konzert besuchen und über Bayreuth plaudern. Oder diese hinterwäldlerische, dunkelfunzlige Gegend namens Oberpfalz. Ich nehm den ganzen Kram jedenfalls mit. Innenseitig.
Sonntag, 22. Juni 2008
Briefing (XIII)
Ach ja, bei Ihnen, Herr W.,
wollte ich mich noch einmal explizit bedanken. Dafür, dass sie uns über 600 Kilometer weit fahren haben lassen in dem Glauben, dass wir die Wohnung schon so gut wie sicher hätten, die sie zu vermieten hatten und die uns ganz gut gefiel. Wir hatten uns sehr gefreut, als sich herausstellte, dass wir die allerersten Bewerber waren und waren bester Dinge, als wir auch gleich einen Besichtigungstermin bekamen. Es kam uns zwar etwas spanisch vor, dass Sie wollten, dass wir ihnen eine e-Mail schicken, in der wir ausführlich etwas über uns erzählen, aber was tut man nicht alles für einen schrulligen alten Mann, der das Glück hat, in einem guten Viertel in Hamburg eine Wohnung zu besitzen. Ein bisschen schockiert waren wir dann allerdings, als wir zu unserer Besichtigung ankamen und feststellen musste, dass Sie plötzlich, ohne ein Wort davon zu sagen, eine öffentliche Besichtigung daraus gemacht hatten. Mehr als zwanzig Parteien waren dort auf einmal anwesend. Nein, Herr W., das war nicht wirklich schön, vor allem nicht, weil Sie am Telefon großspurige Versprechungen wie „wer zuerst kommt, malt zuerst und sie waren ja die Ersten“ gemacht hatten.
Da saßen sie dann mit ihrer Brille wie ein Stasi-Offizier in der Küche ihrer etwas abgeranzten Wohnung im fünften Stock, die trotz ihrer Mängel immer noch zu dem Besten gehörte, dass wir an diesem Wochenende besichtigt hatten und baten selbstherrlich in der Reihenfolge des Erscheinens zur Besichtigung alle Parteien zum jeweils viertelstündigen Verhör am Küchentisch, während der Rest draußen im Flur warten musste. Schon äußerlich erschienen Sie mir wie der Prototyp des kafka’schen Bürokraten und ihre ganze Art zu reden und die Leute von oben herab zu behandeln war mir derart zuwider, dass ich am liebsten schon in dieser Situation, obwohl wir ja noch gar nicht „an der Reihe waren“, reingekommen wäre, Ihnen eine runtergehauen und Ihnen gesagt hätte, wo sie Ihre Wohnung hinstecken können. Aber wir waren ja verzweifelt. Es ist so verdammt schwierig, eine gute Wohnung in Hamburg zu finden. Am Besten gefiel mir das Vorzeigepaar, dass vor uns zu Ihnen musste. Die beiden, (Sie: Vollblutblondine, Er: Schwiegermutter’s Liebling), machten riesiges Grinsen zum bösen Spiel. Was ich vom Flur aus mitbekommen hatte, war, wie Sie erklärte: „Wir werden heiraten“ und er kurz darauf eine Kopie seines Arbeitsvertrages hervorzog, um sein regelmäßiges Einkommen zu beweisen. Es hätte nicht mehr viel gefehlt und sie hätte mit „Ich bin schwanger!“ ein weiteres Ass aus dem Ärmel gezogen und er wäre auf die Knie gefallen und hätte angefangen, Sie oral zu befriedigen, Herr W. Aber vermutlich stehen sie genau auf den Typ Mensch. Klar, dass wir beiden Studenten, erste Kandidaten für die Wohnung und Bürgschaft beider Elternteile hin oder her, dagegen keine Chance mehr hatten. Die Mail, die ich Ihnen über uns beide geschrieben hatte, hatten sie ausgedruckt dabei, mit selbsteingefügten Anmerkungen in roter Farbe. Viele Fragen hatten sie dann an uns im Gegensatz zu allen anderen keine mehr, vermutlich hatten sie uns schon im Kopf fett durchgestrichen.
Irgendwie, Herr W., bin ich ja doch, wie am Anfang der Mail schon angedeutet, ganz dankbar, dass sie nicht angerufen haben. Denn Sie sind mit Abstand einer der unsympathischsten Menschen, denen ich seit langer, langer Zeit begegnet bin, und das liegt wirklich nicht daran, dass sie uns eine Wohnung nicht gegeben haben (wir haben an dem Wochenende so viele nette Leute kennengelernt und nette Absagen kassiert). Jemanden wie Sie als Vermieter zu haben, wäre auch nicht wirklich witzig. Aber die Wohnung hätte uns echt gefallen und wenn ich an die riesige Enttäuschung zurückdenke, die ich und meine Freundin direkt nach der Besichtigung empfanden, dann glaube ich, dass ich doch noch in irgendeiner persönlicheren Form meinen Dank zum Ausdruck bringen muss. Ich werde gleich mal nachsehen, ob ich Ihre Adresse noch gespeichert habe...
Auf diesem Weg beste Wünsche aus Bayreuth,
Ihr Sebastian B.
Mittwoch, 28. Mai 2008
Briefing (XII)
Lieber ETA Hoffmann,
Es mag ja stimmen, dass Du einer der ganz Großen der Literaturgeschichte warst, viel besser als Dein amerikanisches Pendant Poe in jedem Fall, aber jetzt mal ehrlich: Die Räuber und Pistolen-Geschichte „Ignaz Denner“ aus den „Nachtstücken“ ist doch eher ein schnell hingekritzeltes Stück triviales Füllmaterial, nicht? Ja, natürlich, die Geschichte besteht aus zwei Teilen, ein hinterhergeschobenes Dokument zeigt dem Leser noch mal den Unterschied zwischen einer aus subjektiver Figurenperspektive erzählten Geschichte und einer nur aus Akten überlieferten, die Geschichte hat hier und dort recht plötzliche und überraschende Wendungen („Du rettest den Vater Deines Weibes!" [„Ich bin Dein Schwiegervater, Luke!“]) und mancher mag sie sogar für spannend halten, aber im Vergleich mit dem, was Du sonst so geschrieben hast, im Vergleich mit dem genial in sich verschachtelten „Sandmann“, der sich gänzlich in der Unentscheidbarkeit von Fiktion und Realität verliert, im Vergleich mit der grandiosen Detektiv- und Künstlergeschichte „Das Fräulein von Scuderi“ oder dem Glanzstück romantischer Selbstreferentialität, dem „Goldnen Topf“, ist „Ignaz Denner“ wohl doch nur ein kleines, linear verlaufendes Geschichtchen mit ein paar billigen Schock- und Mystery-Elementen, die nie mehr als schlichte Effekthascherei sind. Und wenn manche behaupten, dass die Tatsache, dass der zentrale Mord in „Ignaz Denner“ am Ende nicht aufgeklärt wird, der eigentlich geniale Twist der Geschichte ist, den man leicht überliest, so möchte ich hingegen vermuten, dass Du, Ernst Theodor, ihn wie die meisten Leser für den Ausgang der Geschichte vermutlich einfach nicht für bedeutend hieltst. Es sei Dir verziehen. „Ignaz Denner“ bekommt von mir 5 von 10 Punkten.
Dein Sebastian.
P.S.: Und damit Du mir nicht am Ende Unvollständigkeit hinsichtlich der Interpretation vorwirfst: Natürlich zeigt Deine Geschichte um Andreas, Giorgina und Ignaz Denner selbst den Wandel des Justiz- und Strafsystems um 1800 in Bezug auf Folter, Verhör und Hinrichtung. Aber sie bildet eben jenen Wandel schlicht literarisch eins zu eins ab, ohne irgendwelche sonst von Dir durchaus benutzten Brüche oder geschicktere Formen der Adaption anzuwenden. Ein eigener Ansatz ist also leider auch in diskursanalytischer Hinsicht nicht zu erkennen.
Freitag, 1. Februar 2008
Briefing (XI)
Liebes Mädchen aus dem Internet, das meine neue Stalkerin werden zu wollen scheint,
bitte hör’ endlich damit auf, mir eMails und Nachrichten zu schreiben, die Titel tragen wie „geteilter Schmerz“. Ich bin kein beschissener Emo, sondern das genaue Gegenteil davon, das hast Du aber anscheinend grundlegend missverstanden. Ich weiß ehrlich gesagt nichteinmal, wie Du auf meine Seite in der billigen Web 2.0-Absteige kamst, in der ich Dir auffiel und woher Du meine eMail-Adresse bekommen hast, und, um völlig offen zu sein, interessiert es mich auch nicht. Und dass Du traurig darüber bist, versehentlich die zwei für Dich so „bedeutsamen“ Zeilen gelöscht zu haben, die ich Dir als Antwort auf Deine erste Nachricht geschickt hatte, zeigt doch nur wie fern wir uns sind, denn Ich selbst habe alle Deine ellenlangen Nachrichten ohne zu zögern entsorgt, nachdem ich sie nur flüchtig überflogen und als bedeutungslos eingeordnet habe. Es braucht ein bisschen mehr, um mich zu beeindrucken. Aber versteh’ das jetzt bitte nicht als Aufforderung miß, mir weiter zu schreiben, denn Du hast nichts von dem, was ich in den Menschen suche, mit denen ich kommuniziere* und ich werde auch in Zukunft alles ignorieren, was Du mir zukommen lässt, sei es noch so pathetisch.
Ein schönes Leben noch,
Sebastian
*zb. Kreativität, Intelligenz, Geschmack, Stil.
Dienstag, 22. Januar 2008
Briefing (X)
Ihr netten Streifenpolizisten, die ihr mich heute vor dem Praktiker anhieltet,
man mag es für eine nette Geste halten, dass Ihr mit die Strafe für das Nichtmitführen eines Warndreiecks erlassen habt, weil ich heute Geburtstag habe. Wenn man allerdings die Umstände berücksichtig, unter denen diese "allgemeine Verkehrskontrolle" zustande kam und die Art, wie Ihr mich dabei behandelt habt, dann könnte man leicht zu dem Schluss kommen, dass "selbstherrlich" doch der bessere Begriff dafür ist. Ich wollte lediglich zum Baumarkt fahren und mir dort Farbe kaufen, um heute ein bisschen zu malen. Zugegeben, ich trug dabei nur schwarze Kleidung und ich habe nunmal lange Haare. Dass das für Euch, die Ihr mir auf der Hauptstrasse zunächst entgegenkamt, Grund genug war um einen U-turn hinzulegen und mich bis auf den Parkplatz zu verfolgen, mag man noch mit mit irgendwelchen Schulungen erklären können, die Polizisten, insbesondere in Bayern, mitzumachen haben ("lange Haare, das heisst Probleme"). Aber dass Ihr dann mit mir das Spielchen "Guter Cop, Böser Cop" zu spielen versucht habt und mich derjenige von euch, der den guten Cop spielte, in ein lässiges Gespräch über Drogenkonsum im Allgemeinen zu verwickeln versuchte, um mir irgendwelche selbstbelastenden Aussagen zu entlocken, die ich leider mangels Erfahrung mit dem Thema nicht machen konnte, während der Andere mit todernster Mine im Fahrzeug meine Autonummer irgendwohin durchfunkte, fand ich dann schon ziemlich verstörend in dem Sinne, dass ich dachte, wir würden im Jahr 2008 leben und die alten Klischees würden langsam, aber sicher nicht mehr gelten. Ihr habt mich eines besseren belehrt, nicht nur mit der abschliessenden Aussage, ich solle Euere Großzügigkeit bezüglich der Strafe doch mal zum Anlass nehmen, meine "Sorgfältigkeit zu überdenken". Übrigens hatte ich mein Warndreieck sogar dabei, allerdings lag es in meinem Kofferraum unter einem Berg von Notizen, Büchern und sonstigem Kram, der sich im meinem Auto über die Zeit angesammelt hat und ich hatte keine Lust, meinerseits irgendwelche Vorurteile in Eueren Köpfen weiter zu festigen, indem ich erstmal alles vor euch auspacke, was ich so mit mir führe.
Das nächste Mal leg ich es in Griffnähe,
Euer S. Baumer.
Montag, 10. Dezember 2007
Briefing (IX)
Liebe Doris Lessing,
bitte lassen Sie mich Ihnen etwas erklären: Das Internet ist ein Medium, genau wie ein Buch oder ein Stück Papier, wenn sie so wollen. Wie man es inhaltlich füllt oder wofür man es verwendet, das bleibt (Vorsicht: Große Überraschungserkenntnis!) komplett dem jeweiligen Nutzer überlassen. Dass Sie in ihrer Rede zur Verleihung des Nobelpreises die Literatur und das Internet als diametral zueinander stehend betrachten, beweist, dass Sie genau das nicht verstanden haben. Und dass Sie oben drauf die Behauptung setzten, die Gesellschaft hätte sich noch nie gefragt, wie sich das Leben und die Denkweise durch die Vernetzung verändert hat, scheint mir so absurd, dass ich nur noch den Kopf schütteln kann, aber, und das soll kein Angriff sein, es ist ja nun wirklich nichts außergewöhnliches, wenn man in Ihrem hohen Alter nur eine diffuse Vorstellung von den etwas moderneren (ich scheue mich, hier noch das Wort „modern“ zu gebrauchen) Technologien und Forschungsrichtungen (Stichwort: Medienwissenschaft) hat.
Fragen Sie das nächste Mal doch bitte jemanden, bevor Sie wieder über etwas sprechen, das Sie selbst nicht kennen. Ich biete mich hiermit als Ansprechpartner an.
Ihr gleichermaßen literatur- wie internetaffiner
S. Baumer
Montag, 19. November 2007
Briefing (VIII)
Lieber Passant mit Hut,
es war wirklich sehr nett, dass Du mich ansprachst, als Du mir begegnetest, während ich an einer sehr kargen Stelle im Industriegebiet dabei war, wieder einmal den Herbst in Bildern festzuhalten. Auch auf Deine verwunderte Frage, was ich denn da photographieren würde, da gäbe es doch nur hässliches Gestrüpp, versuchte ich verständlich zu antworten, auch wenn ich Dir natürlich nichts über die generelle Ästhetik des Verfalls oder die Schönheit in der Vergänglichkeit aller existierenden Pflanzen erzählt habe, um Dich nicht noch mehr zu verwirren. Dass Du dann aber, nach einem kurzen Lachen kopfschüttelnd von dannen gezogen bist, könnte ich fast als eine Beleidigung auffassen, wenn mir derartiges nicht schon häufiger passiert wäre (vor allem auf Baustellen und in alten Fabriken) und ich nicht an diese Reaktion gewöhnt wäre.
Dir sei hiermit nochmal versichert, dass ich schon wusste, was ich tue. Ich will Dir in jedem Fall nochmal für die später erfolgte Erkenntnis danken, die darin besteht, dass es vielleicht genau das ist, was meine Photographie zu einem großen Teil ausmacht: Ich sehe interessante Bilder, wo andere nur hässliches Gestrüpp am Rande wahrnehmen.
Vielleicht sieht man sich mal wieder,
S.
Donnerstag, 25. Oktober 2007
Briefing (VII)
Lieber "Tobias K.",
Es macht ziemlichen Spaß, Feinde zu haben, denen man auch aus einer nettgemeinten Geste noch einen Strick drehen kann, oder? Da kann man sich mal so richtig aufregen und abreagieren an nichts. Aristoteles hat das Katharsis genannt, das kommt vom griechischen Wort "κάθαρσις" und bedeutet "Reinigung".
In diesem Sinne: Spring fein im Dreieck.
Montag, 24. September 2007
Briefing (VI)
Liebe Daniela,
schon zum zweiten Mal stellst Du mir per Mail ausführliche Fragen nach meinem Kameraequipment. Ich kann es Dir nicht wirklich verübeln, muss aber anmerken, dass es langsam anfängt zu nerven, denn höre ich diese Auskunftsbitten nicht zum ersten Mal, ganz im Gegenteil: Die Frage "Was für ne Kamera benutztn Du für diese Photos?" ist die wohl mir meistgestellte Frage, seit ich ernsthaft mit der Photographie begonnen habe und ich beantworte sie normalerweise nur ungern. Die Begründung dafür dürfte im folgenden, uralten Photografenwitz verborgen sein:
Helmut Newton speist in einem Restaurant. Als er nach dem Essen noch ein Glas Wein trinkt, besucht ihn der Chefkoch, ein Bewunderer seiner Arbeit, am Tisch. "Ich liebe ihre Bilder", sagt der Koch, "sie müssen eine tolle Kamera haben". "Vielen Dank", entgegnet Newton, "Ihr Essen war ebenfalls herausragend. Sie müssen tolle Kochtöpfe haben".
Sonntag, 2. September 2007
Briefing (V)
Lieber Guillermo Del Toro,
Mit extrem viel Vorfreude habe ich mir heute zum ersten Mal Ihren Film 'Pans Labyrinth' angesehen. Ich habe mir Chips und Bier bereitgestellt, das Zimmer abgedunkelt, alles so vorbereitet, als würde ich den Film nicht ganz alleine sehen, sondern auf einer großen Leinwand. Ich verrichtete keine ablenkenden Tätigkeiten nebenbei, wie bei mir üblich, wenn ich den gewöhnlichen Hollywoodschrott zur puren Unterhaltung sehe. Kurz: Ich war voll konzentriert auf Ihr Werk. Lassen Sie mich das Fazit dieses Briefs vorwegnehmen: Es half nicht.
Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, ich mag es, wie Sie eine realistische Geschichte über den spanischen Faschismus und eine Fantasystory parallel erzählen, ich finde diese Grundidee sehr innovativ, ich liebe die Bilder, die sehr beeindruckende Kameraarbeit fasziniert mich und die nicht übermässig eingesetzten Spezialeffekte sind definitiv herausragend, aber irgendwie fehlt dem Film das entscheidende Element, die Art von Zauber, die ein guter Film haben muss oder wenigstens eine einzige überraschende Wendung. Wenn ich darüber nachdenke, was mich am meisten enttäuscht, dann muss ich an erster Stelle den Plot an sich nennen. Ein paar Soldaten kämpfen im entlegenen Hinterland gegen Guerilla-Krieger, es gibt eine handvoll Verräter im Lager, ein Mädchen muss drei Prüfungen bestehen, jede davon in ihrem Ablauf vorhersehbarer als die nächste. Sie erzählen in knapp zwei Stunden eine Geschichte, bei der jeder einzelne Schritt einem halbwegs intelligenten Zuschauer schon lange vorher klar ist und bei der die oft in den Rezensionen so sehr in den Vordergrund gestellten Fantasy-Elemente leider jederzeit nur Nebenschauplatz bleiben. Kennt man den gehörnten Pan und das Wesen mit den Augen in den Händen bereits aus dem Trailer oder von Promofotos, hat man irgendwie schon alles gesehen, was an dem Film sehenswert ist, in dem Punkt ist 'Pans Labyrinth' nicht unählich dem russischen, viel Action- und Sci-Fi-lastigerem Debakel 'Wächter Der Nacht'.
Ich bin, Herr Del Toro, derweilen in jedem Fall verblüfft, wie wenig heute ausreicht, um einen in allen Kritiken hochgelobten 'Kultfilm' zu fabrizieren und sogar drei Oscars (!) zu gewinnen: Man mische einfach zwei an sich nichtssagende, straight ablaufende Geschichten ineinander und benutze als Bindeglied ein kleines Mädchen, um das ganze als 'Erwachsenenmärchen' deklarieren zu können. Ich hatte nach dem ganzen Hype und den auch durchweg positiven Reaktion von diversen Freunden einen Film erwartet, der sich locker in meine Alltime Top50 oder gar Top25 zaubert. Aber diesen Film sah ich heute nicht, sondern nur ein eher unbedeutendes Kitschfilmchen, das glatt an meinem Erinnerungswürdigkeitsorgan vorbeirauschte. Statt einer surrealeren und gleichzeitig realistischeren Version von Terry Gilliams 'Brother's Grimm' oder einer 'Herr Der Ringe'-Version von Alice In Wonderland, was in etwa das war, was die Presse mich erwarten ließ, bekam ich nur einen beliebigen Kriegsfilm mit Schneewittchen-Elementen. Auf einer Skala von eins bis zehn für mich leider nur eine sechs.
Mit freundlichem Gruße,
eine Stimme mit einer sich der Mehrheit nicht anschliessenden Meinung, die sicher nicht zur abschliessenden Bewertung ihres Werkes beitragen wird.
Sonntag, 22. Juli 2007
Briefing (IV)
Lieber Wayne Wang,
Sie haben es doch tatsächlich geschafft, mich zu verblüffen. Nachdem ich im Laufe meines Lebens eine gefühlte Anzahl von zehntausend schlechten Hollywood-Filmen gesehen habe, war ich davon überzeugt, dass mich nichts mehr schockieren könnte, aber ihr Machwerk von 2002 namens "Maid in Manhatten", das ich vor kurzem konsumieren durfte, unterbietet locker alles, einschließlich meinem bisherigen Lowlight, der abrundtief schrecklichen, alle Horror-, Fantasy- und SciFi-Genreschwächen vermischenden Comicverfilmung "Van Helsing".
Es sind nicht nur die miesen Schauspieler und die extrem klischeehaften Rollen, allen voran eine völlig hölzern-stereotype Jennifer Lopez, die Ihren Film, der wohl soetwas wie eine romantische Komödie, im übrigen ein Genre für das ich tatsächlich eine peinliche Schwäche habe, darstellen soll, zum für mich schlechtesten Film aller Zeiten machen, sondern auch die pathetischen Nonsense-Dialoge, die unfassbar dilettantische Kameraarbeit, die gruselige Musik und die nicht vorhandene Handlung. Und letzteres ist nicht im postmodernen Sinne zu verstehen, im Gegenteil: Ihr Film wirkt, als hätte man alle romantischen Komödien zwischen 1985 und 1995 auf den schlechtesten gemeinsamen Nenner gebracht und dabei den Humor komplett herausgeschnitten. Dass man dazu in der zweiten Hauptrolle einen als Pseudo-Gutmenschen agierenden, republikanischen Lokalpolitiker bewundern darf und Richard Nixon im Film als missverstandener Held (!) dargestellt wird, ist eigentlich nur noch Nebensache, vor allem angesichts solchen Stellen wie der, an der das Happy End längst greifbar ist, sie aber nochmal minutenlang die leere Strasse vor dem Hotel filmen, dazu eine akustische Gitarre erklingen und ein paar Herbstblätter ins Bild regnen lassen, was man auch "schwermütige Stimmung erzeugen für Vorschulfilmer" nennen könnte.
Mich wundert es jedenfalls nicht, dass wir die Videokassette geschenkt bekamen und es dürfte sie nicht wundern, dass wir sie wohl dennoch zurückgeben oder in den Müll werfen werden. Ich fühlte mich beim Ansehen ihres Films wie der eigentlich intelligente kleine Junge, der in einer Szene zwei Science-Fiction-Plastikspielzeuge mehrmals hirn- und wortlos aneinanderstösst, was wohl seinen Frust verdeutlichen soll. Ich hoffe sehr inständig, dass ich nie wieder einen Film von Ihnen werde sehen müssen. Schon die Vorstellung davon bereitet mir schlimme Alpträume.
Ihr für diese Erfahrung dennoch dankbarer
Sebastian B.
PS: Ernsthaft, jetzt: Bitte, bitte, lassen sie das mit dem Regieführen doch in Zukunft sein. Es gibt so viele andere tolle Dinge, die man mit seinem Leben anstellen kann. Zum Beispiel von Hochhäusern runterspringen.
PPS: Falls das Ganze doch eine perfekt getarnte, sarkastische Parodie war, lassen Sie es mich wissen. In diesem Falle sind sie ein perfides Genie, Sir.
Samstag, 21. Juli 2007
Briefing (III)
Liebe Miss W.,
Nachdem ich Dich nach unserer Photosession mehrfach danach gefragt hatte, ob ich denn nicht das ein oder andere der von mir angefertigten Bilder veröffentlichen darf und Du die Frage mindestens dreimal schlicht ignoriert hast, was mich zu der Annahme führte, dass Du es einfach nicht magst, wenn ich welche von den Bildern irgendwo zeige, mich aber auch etwas verwunderte, weil Dir hätte klar sein sollen, dass ich die Photos kaum zu dem Zwecke anfertigen werde, sie im Anschluss auf meiner Festplatte vergammeln zu lassen, war ich leicht enttäuscht.
Richtig schwer irritiert hat mich dann aber die Tatsache, dass Du vor ein paar Tagen beschlossen zu haben scheinst, eins von meinen Bildern, noch dazu eins, das ich persönlich nicht für wirklich vorzeigenswert bzw. meinen eigentlichen Fähigkeiten entsprechend halte, und das Du selbst an einem offenbar unkalibrierten Monitor, mit vorsichtig ausgedrückt fragwürdigen Einstellungen (und in verschieden zugeschnittenen Version) bearbeitet hast, für Dein Profil auf einer Web2.0-Plattform zu benutzen, ohne mir auch nur Bescheid zu sagen.
Ich sehe ich es hiermit als mein Recht an, ebenfalls etwas von der Session, die ich im übrigen, wie bereits erwähnt, teilweise für sehr gelungen halte, zu zeigen, auch wenn diese Vorgehensweise eigentlich gar nicht mein Stil ist. Meine Managerin hat mich in dieser Meinung bestärkt.
Viele Grüße und sehr schade übrigens, dass das hier wieder mal so dämlich läuft, ich hätte Dich nämlich gerne noch viel besser und öfter photografiert. Ich sollte langsam lernen, dass ich den Menschen, die ich ablichte, in dieser Hinsicht schlicht und einfach nicht vertrauen kann. Vielleicht sollte ich auch dazu übergehen, Verträge über die Nutzung meiner Bilder (am besten mit einer Passage für Model und einer Passage für Photograph) noch vor dem Entstehen zu entwerfen, auch wenn mir selbiges so extrem unlocker vorkommt.
Dein Sebastian.
Dienstag, 17. Juli 2007
Briefing (II)
Liebe dicke Verkäuferin von der Aral-Tankstelle,
Es war ja mal eine zeitlang wirklich praktisch, dass Sie, wann immer ich den Laden betrat, den grünen Lucky Strike-Tabak schon aus dem Regal zogen. Zum Problem wurde es erst, als ich meinen eigenen Zigarettenkonsum (weitestgehend) einstellte, sie aber das alte Verhaltensmuster nicht mehr aus dem Kopf bekamen. Jetzt dauert es meist doppelt so lange, meinen Benzin bei Ihnen zu bezahlen, weil Sie erst den schon gescannten Tabak stornieren müssen. Und wenn ich dann, wie kürzlich, doch mal wieder welchen kaufe, dann sind sie verständlicherweise komplett verwirrt.
Mit der Bitte um weniger präformiertes Handeln,
Ihr Sebastian B.
Briefing (I)
Lieber Christoph Schlingensief,
Da lief ich gestern mit meinem Jörlfriend nochmal raus in die graue kleine Stadt und dachte so bei mir: "Ich ess mir schnell noch Zitroneneis" und dann an den Draußentischen des Rästaurangs vorbei, in dem meine Ex und ich manchmal Griebenschmalzbrot verzehrten und in meinem Brain nur noch kulinarisches, um URplötzlich an einem der großen Helden meiner Postpubertät vorbeizugehen. Ich sag auch noch zu ihr: "Woah, der Typ sieht exakt so aus wie..." und merk noch im Satz, dass es nicht "wie" heisst, sondern dass Sie's wirklich sind und ging später absichtlich nochmal durch die Tische, um mich zu ver=gewissern, wollt fast schon irgendwas zu Ihnen sagen, aber die Schwänin meinte, das wäre Ihnen bestimmt unangenehm.
Es ist wirklich surreal, wenn man einen von den Menschen, die eine TeilSchuld treffen, dass man in Bayreuth seit vielen Semestern das studiert, was man studiert, plötzlich genau dort trifft, in einer Standardsituation. David Lynch in der Schlange bei Lidl, Klopapier kaufend oder Kurt Cobain mit klaffendem Loch im Gesicht an der Tankstelle rumlungernd wären für mich auch nicht viel spektakulärer.
Dankeschön,
Ihr Sebastian B.
