Die beiden Hasen, die ich damals geklaut hatte, hatten keine Füße. Dafür bin ich ein einziger Hasenfuß.
Morgen früh geht es los.
Freitag, 1. August 2008
NeuRosen (XLVII)
Samstag, 12. Juli 2008
Briefing (XIV)
Ich schreibe keine Abschiedsbriefe mehr, weil das Wort "Abschied" keinen Sinn hat, solange die betreffende Person nicht stirbt öder völlig von der Welt verschwindet. Ich meine, wir leben im Zeitalter von permanenter, digitaler Erreichbarkeit, oder? Ich kann Leute, die ich seit Jahren nichtmehr gesehen habe, jederzeit kontaktieren, wenn ich ihre Mailadresse habe. Wenn ich sie nicht habe, hilft in der Regel Google. Und wenn auch das nicht hilft, sind mindestens zehn andere Leute online, die wissen, wie man den Menschen erreicht, den man erreichen will. Ein Abschiedsbrief würde also nur Sinn machen, wenn ich sicher wüsste, dass ich den Menschen, dem ich diesen Brief schreibe, sicherlich nie wieder von mir aus kontaktieren würde und gleichzeitig sicher wäre, dass er mich nicht wieder kontaktiert und beides zugleich kann ich bei niemandem, dem ich kenne oder einmal kannte, ausschließen, wenn man von der einen Person absieht, die unter die im ersten Satz genannte Option fällt.
Was also schreibe ich dann? Einen „bis-dann“-Brief, wahrscheinlich. In drei Wochen ziehen wir hier weg. Unsere Wohnung ist wirklich schön. Liegt relativ zentral, ruhige, unspektakuläre Gegend. Wenn man von dort die paar Schritte zur U-Bahn-Station läuft, muss man eine Brücke über die Elbe überqueren, an der es ständig nach Kaffee riecht, weil in der Nähe eine Tschibo-Rösterei ist. Hamburg Hamm, einer der gefürchteten Ost-Stadtteile, wenn auch der bei weitem harmloseste. Ich habe Angst, wegzuziehen. Mein ganzer Freundeskreis, der bei weitem nicht so klein ist, wie man glauben würde, befindet sich in Bayern, in einem Radius von wahrscheinlich 200 Kilometern. Ich bin 26 Jahre alt und habe keine Berufserfahrung, dafür aber einen Haufen Schulden, die sich im Laufe meines Studiums angesammelt haben. Ich habe ein paar rudimentäre Talente, nicht wirklich in der Hinsicht ausgeprägt, dass man sie kommerziell nutzen könnte. Ich kann ganz gut photographieren, ein paar Grafikprogramme gut bedienen, ich habe im Laufe der Zeit einen eigenen Schreibstil entwickelt, ich bin in der Lage, zu beurteilen und schlüssig zu begründen, ob ein Film, ein Musikstück oder ein Buch brauchbar ist und wo es auf einer Skala von eins bis zehn Punkten anzusiedeln ist, aber ich habe keines dieser Talente so weiterentwickelt, dass man ich es auch beruflich nutzen könnte, wenn man von diversen kleineren Jobs absieht. Es gibt vermutlich Tonnen von Menschen, die das, was ich mache, ebenfalls können und zusätzlich in der Lage sind, Deadlines einzuhalten, die äußere Form zu wahren, ihren Stil konsequent und ohne Experimente weiterzuverfolgen und sich zu verkaufen. Das alles kann ich nicht. Es ist nicht so, dass ich es nicht versucht hätte, ganz im Gegenteil. Nur leider bin ich weder einer von diesen offensiven, grinsenden Gebrauchtwagenverkäufertypen noch einer von diesen überkorrekten, archkriechenden Strebern im Anzug. Ich bin introvertiert. Künstler. Ob das reicht, um einen Job zu finden?
Ich schweife ab. Thema dieses Briefes, der von einem Brief an eine spezielle Person zu einer Art offenem Brief geworden ist, ist die Tatsache, dass ich zum ersten Mal in diesem Leben für mehr als nur eine handvoll Monate die Orte verlasse, an denen ich die Menschen, die für mich von Bedeutung sind und meine Erinnerungen befinden. Ich bin im Grunde von diesen Dingen abhängig, auch wenn ich zur Einsiedlei neige. Ich mag es, so paradox das klingen mag, am liebsten, wenn ich zu drei Parties eingeladen werden, die direkt in der Nachbarschaft stattfinden und ich dann absagen kann, um zu Hause vor dem Computer zu sitzen. Es ist eher die Möglichkeit von Geselligkeit, die mich anspricht als die reale Ausübung derselben. Das wird in meiner neuen Heimatstadt, die von Millionen von Menschen bevölkert wird, sicherlich nicht so einfach sein. Menschen neu kennen zu lernen bedeutet immer auch, dass man viel Zeit mit ihnen verbringen muss. Wer drei mal absagt, gehört schon zur Vergangenheit. Aber was auch immer dort auf mich wartet, wo ich hingehe: Ich muss weg von hier. Ich muss es aus zwei Gründen tun: Der erste Grund ist der, dass es meine letzte Chance ist, den drohenden Bürgertum zu entkommen. Ich weiß, wie melodramatisch sich das anhört, aber es ist die blanke Wahrheit. Ich würde es später nicht mehr schaffen. Wenn ich erst mit dem Studium fertig bin, würde ich mitten in der bayerischen Provinz einen Job anfangen, den ich hassen würde und in dem ich von inkompetenten Menschen umgeben wäre, die mich ankotzen und würde trotzdem weiter und weiter manchen, bis ich irgendwann alt und verbittert wäre. Ich würde vielleicht irgendeine Frau kennenlernen und heiraten, ein paar Kinder zeugen und irgendwann feststellen, dass mein Leben genau zu dem geworden ist, was ich immer als schlimmsten Alptraum (ja, mit P, verdammt) im Kopf hatte. Provinziell und spießbürgerlich. Und zu weit weg von Meer. Der zweite Grund, der mich dazu zwingt, von hier wegzuziehen, ist ein wunderschönes Mädchen, das einen Vornamen trägt, der aus dem friesischen stammt und „kleiner Schwan“ bedeutet. Ich liebe dieses Mädchen schon fast seit dem Abend, an dem ich es kennenlernte, auch wenn ich nie zugeben würde.
Und weil das hier kein Abschiedsbrief ist, werde ich auch keine Abschiedsformeln finden. Und ich werde auch niemanden, nicht einmal in unpersönlicher Form, direkt adressieren. Die Menschen, die mich kennen, die Menschen die ich kannte und die Menschen, die ich leider nie so kennengelernt habe, wie ich es wollte (das dauert bei mir immer Jahre) werden wissen, dass dieser offene Brief an sie gerichtet ist. Dieser Brief ist an jeden gerichtet, der sich von ihm angesprochen fühlt. Und falls jemand von diesen Menschen irgendwann vorhatte, sowieso mal Hamburg anzugucken oder Urlaub in der Nähe zu machen, ist er hiermit herzlich eingeladen, mir zu schreiben und unsere Couch als Schlafplatz zu nutzen. Man könnte zusammen auf der Reeperbahn ein paar Bierchen trinken, im Hafen rumhängen oder irgendein Konzert besuchen und über Bayreuth plaudern. Oder diese hinterwäldlerische, dunkelfunzlige Gegend namens Oberpfalz. Ich nehm den ganzen Kram jedenfalls mit. Innenseitig.
Sonntag, 22. Juni 2008
Briefing (XIII)
Ach ja, bei Ihnen, Herr W.,
wollte ich mich noch einmal explizit bedanken. Dafür, dass sie uns über 600 Kilometer weit fahren haben lassen in dem Glauben, dass wir die Wohnung schon so gut wie sicher hätten, die sie zu vermieten hatten und die uns ganz gut gefiel. Wir hatten uns sehr gefreut, als sich herausstellte, dass wir die allerersten Bewerber waren und waren bester Dinge, als wir auch gleich einen Besichtigungstermin bekamen. Es kam uns zwar etwas spanisch vor, dass Sie wollten, dass wir ihnen eine e-Mail schicken, in der wir ausführlich etwas über uns erzählen, aber was tut man nicht alles für einen schrulligen alten Mann, der das Glück hat, in einem guten Viertel in Hamburg eine Wohnung zu besitzen. Ein bisschen schockiert waren wir dann allerdings, als wir zu unserer Besichtigung ankamen und feststellen musste, dass Sie plötzlich, ohne ein Wort davon zu sagen, eine öffentliche Besichtigung daraus gemacht hatten. Mehr als zwanzig Parteien waren dort auf einmal anwesend. Nein, Herr W., das war nicht wirklich schön, vor allem nicht, weil Sie am Telefon großspurige Versprechungen wie „wer zuerst kommt, malt zuerst und sie waren ja die Ersten“ gemacht hatten.
Da saßen sie dann mit ihrer Brille wie ein Stasi-Offizier in der Küche ihrer etwas abgeranzten Wohnung im fünften Stock, die trotz ihrer Mängel immer noch zu dem Besten gehörte, dass wir an diesem Wochenende besichtigt hatten und baten selbstherrlich in der Reihenfolge des Erscheinens zur Besichtigung alle Parteien zum jeweils viertelstündigen Verhör am Küchentisch, während der Rest draußen im Flur warten musste. Schon äußerlich erschienen Sie mir wie der Prototyp des kafka’schen Bürokraten und ihre ganze Art zu reden und die Leute von oben herab zu behandeln war mir derart zuwider, dass ich am liebsten schon in dieser Situation, obwohl wir ja noch gar nicht „an der Reihe waren“, reingekommen wäre, Ihnen eine runtergehauen und Ihnen gesagt hätte, wo sie Ihre Wohnung hinstecken können. Aber wir waren ja verzweifelt. Es ist so verdammt schwierig, eine gute Wohnung in Hamburg zu finden. Am Besten gefiel mir das Vorzeigepaar, dass vor uns zu Ihnen musste. Die beiden, (Sie: Vollblutblondine, Er: Schwiegermutter’s Liebling), machten riesiges Grinsen zum bösen Spiel. Was ich vom Flur aus mitbekommen hatte, war, wie Sie erklärte: „Wir werden heiraten“ und er kurz darauf eine Kopie seines Arbeitsvertrages hervorzog, um sein regelmäßiges Einkommen zu beweisen. Es hätte nicht mehr viel gefehlt und sie hätte mit „Ich bin schwanger!“ ein weiteres Ass aus dem Ärmel gezogen und er wäre auf die Knie gefallen und hätte angefangen, Sie oral zu befriedigen, Herr W. Aber vermutlich stehen sie genau auf den Typ Mensch. Klar, dass wir beiden Studenten, erste Kandidaten für die Wohnung und Bürgschaft beider Elternteile hin oder her, dagegen keine Chance mehr hatten. Die Mail, die ich Ihnen über uns beide geschrieben hatte, hatten sie ausgedruckt dabei, mit selbsteingefügten Anmerkungen in roter Farbe. Viele Fragen hatten sie dann an uns im Gegensatz zu allen anderen keine mehr, vermutlich hatten sie uns schon im Kopf fett durchgestrichen.
Irgendwie, Herr W., bin ich ja doch, wie am Anfang der Mail schon angedeutet, ganz dankbar, dass sie nicht angerufen haben. Denn Sie sind mit Abstand einer der unsympathischsten Menschen, denen ich seit langer, langer Zeit begegnet bin, und das liegt wirklich nicht daran, dass sie uns eine Wohnung nicht gegeben haben (wir haben an dem Wochenende so viele nette Leute kennengelernt und nette Absagen kassiert). Jemanden wie Sie als Vermieter zu haben, wäre auch nicht wirklich witzig. Aber die Wohnung hätte uns echt gefallen und wenn ich an die riesige Enttäuschung zurückdenke, die ich und meine Freundin direkt nach der Besichtigung empfanden, dann glaube ich, dass ich doch noch in irgendeiner persönlicheren Form meinen Dank zum Ausdruck bringen muss. Ich werde gleich mal nachsehen, ob ich Ihre Adresse noch gespeichert habe...
Auf diesem Weg beste Wünsche aus Bayreuth,
Ihr Sebastian B.
Donnerstag, 12. Juni 2008
Freistil (CLXXI)
Tagebuch des für Anfang August geplanten Umzuges von Bayreuth nach Hamburg (V):
So. Ein paar neue Wohnungsangucktermine haben wir noch bekommen, die Schlafgelegenheit geht inzwischen auch klar und in einer Stunde geht's los. Wir hören uns in vier Tagen.
Montag, 9. Juni 2008
Freistil (CLXX)
Tagebuch des für Anfang August geplanten Umzuges von Bayreuth nach Hamburg (IV):
Wir fahren am Donnerstag nach Hamburg und haben erst schlappe vier Besichtigungstermine, von denen einer ziemlich zweifelhaft ist. Miss Z. ist krank und unsere Übernachtungsmöglichkeit in der Stadt reagiert nicht auf Anrufe und eMails. Ich werde also 150 Euro, die ich nicht habe für eine Fahrt ausgeben, die nichts bringt. Zum heulen.
Donnerstag, 5. Juni 2008
Freistil (CLXVIII)
Tagebuch des für Anfang August geplanten Umzuges von Bayreuth nach Hamburg (III):
Es wäre ein Wunder, wenn das alles klappen würde.
Mittwoch, 28. Mai 2008
Freistil (CLXV)
Tagebuch des für Anfang August geplanten Umzuges von Bayreuth nach Hamburg (II):
Ich habe inzwischen das Folgende gelernt: "Billstedt, Hamm und Horn erschuf Gott in seinem Zorn" Und das soll heissen: Die östlichen Stadtteile, insbesondere das von mir in meiner Naivität wegen der günstigen Mieten zunächst favorisierte Billstedt gehören genau wie die Veddel, auf der der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund über 90% beträgt und St. Georg, zu dem mir ein netter Mensch einen guten Rat gab* zu den Vierteln, in die man nicht unbedingt ziehen muss, wenn man ein ängstlicher und friedliebender Mensch ist, der gerne Nachts unbehelligt durch die Strassen zieht. Wobei das nicht auf Hamm und Horn zutrifft, die scheinen nur nicht die schönsten oder belebtesten Gegenden zu sein. Letzteres fällt aber wohl weg, weil es doch recht weit außerhalb ist, Hamm bleibt klar im Rennen, nicht nur wegen der ebenfalls günstigen Mietpreise, sondern auch wegen der für uns guten Lage.
Inzwischen haben wir auch ein paar Besichtigungstermine für den 12. und 13. Juni.
*"In St.Georg könntest du auch Glück haben, da wird gerade viel gemacht um das Viertel aufzupolieren, allerdings kann es da deiner Freundin (vielleicht auch dir...) mal locker passieren, dass sie, wenn sie vor der Tür warten sollte, auf den Preis für einmal Oralverkehr angesprochen wird."
Sonntag, 25. Mai 2008
Freistil (CLVIX)
Tagebuch des für Anfang August geplanten Umzuges von Bayreuth nach Hamburg (I):
Irgendwie werden ich dieses kleine 80.000 Einwohner-Kaff ja doch vermissen, in dem man nicht auf die Strasse gehen kann, ohne wenigstens eine Person zu treffen, die man kennt. In dem man kaum die Wahl zwischen drei Ausgehmöglichkeiten hat, allesamt Kneipen, sich am Ende doch lieber einfach im Park zum Grillen trifft. In Hamburg wird die Sache deutlich komplizierter werden: Schon die Auswahl der gewünschten Stadtteile bei einer dieser Optionsmasken in Internetportalen für Mietwohnungen kann einen zum Wahnsinn treiben. Was war noch mal Nettelnburg, Wellingsbüttel, Neugraben-Fischbek? Ich zähle durch und habe hier insgesamt 258 Stadtteil- und Unterstadtteil- Ankreuzmöglichkeiten. Wahnsinn. Natürlich ist auch der Rest nicht ganz einfach, denn wir (wir, das sind meine Wenigkeit und Miss Z.) suchen eine Wohnung, die in der Nähe der Poolstraße liegt (mehr als 12 oder 13 Kilometer sollte die Entfernung dorthin nicht betragen), die mindestens 2 Zimmer zusätzlich zu Küche und Bad hat, nicht höher als im vierten Stock liegt, weniger als 600 Euro warm kostet, nicht kleiner als 50 qm ist, die keine Maklergebühr erfordert und, jetzt kommt der eigentliche Knackpunkt, zum 01.08. frei wird. Wir suchen viel zu früh, glaube ich. Aber auf mich hört ja wieder keiner.
