Montag, 31. Dezember 2007
Instant Poetry (LXIX)
Stammbäumchen
IM Garten; unter Königinnen.
Deiner denk wieviel, mir flattert fort,
kein Wind kommt hier, darum,
denn Venus war, lag und verglühte.
Was uns von unseren Eltern blieb:
Sonnenstrahl in uns, entfliehn Flattern;
Fiel ich deinen Schein,
dann: Stille.
Oh!
Fragestunde (III)
a) Welche Länder haben sie, privat oder geschäftlich, schon bereist, was haben Sie sich dort zu finden erhofft und wie steht diese Hoffnung im Verhältnis zur Realität der Erfahrungen?
b)Falls sie sich mit ihr überschneidet: Sind Sie sicher, dass das nicht nur eine Projektion von Dingen ist, die Sie unbedingt dort finden wollten?
Falls nicht: Was genau hat diese Nicht-Überschneidung verursacht? Was hätte anders sein müssen?
Samstag, 29. Dezember 2007
Freistil (CXVI)
Ode an den Nebelfisch
Nebelfisch, Du Träumerziel,
wir suchten dich im Westen,
wir suchten dich im Osten,
Süden und vor allem Norden,
wir suchten und wir wurden schwarz,
wir suchten uns 'nen Wolf
und suchten uns dann grün und blau
und waren trotzdem dauernd nah'.
Ach, Nebelfisch, Du Wunschgesicht,
ich fand Dich gestern in mir drin.
Befindlichkeitskurzmeldung (VI)
Was? Jaja, bin ja schon da. Sorry, hatte mich kurz irgendwo zwischen Weihnachten und Neujahr verloren. Es sind Ferien, da liest sowieso niemand 'n Blog, oder?
Mittwoch, 26. Dezember 2007
Metareflexion, yeah! (XXIV)
Suchbegriffe, mit denen verschiedene Google-Benutzer laut meinem abgefahren komplexen Besucherstatistikauswertungsprogramm bei diesem Blog landeten (V):
-"dadaismus reichtum depression"
-"gleissendes licht löscht bilder"
-"missglückte permanent make up bilder"
-"neurosen abschalten"
-"studivz kaktus im gesicht"
-"weißer ritter alice rückwärts sprechen"
-"bewusste halluzination"
-"art of love orgasmus"
-"duschen mit kette abnehmen"
-"art naiv"
Richtig kreativ, die Menschen, die mein Blog ergoogeln. In manchen Fällen frage ich mich dann aber schon, ob hier zu Weihnachten normale Kekse genascht wurden... einen scheinbar Verrückten kann ich zumindest erklären: "weißer ritter alice rückwärts sprechen" bezieht sich auf 'White Rabbit' von Jefferson Airplane, dessen Text ich irgendwo ganz hinten im Archiv mal als Zitat ins Deutsche übertragen hatte =).... white knight is talking backwards.
Freistil (CXV)
Ich habe gelesen, dass die meisten Menschen in der Dämmerung oder zum Jahreszeitenwechsel versterben. Ich verstehe, warum. Die Dämmerung macht mir schon seit vielen Jahren Angst. Wenn ich in meiner Wohnung bin, lasse ich zumeist den Rollladen immer schon herunter, wenn die Sonne noch zu sehen ist. Ich kann mir das Zwielicht nicht ansehen. Es hat etwas unbeschreibliches, das mich zutiefst beunruhigt und verstört. Er ist bedrohlicher, viel schwerer als die Nacht selbst, der Übergang. Und die Sache mit den Jahreszeiten verhält sich analog.
Befindlichkeitskurzmeldung (V)
lebkuchenverklebt, entweihnachtlicht und vom Christbaum gebissen. Jetzt aber bitte weiter im Text ohne dieses ganze Zeug.
Montag, 24. Dezember 2007
Rauschbart (2007)
Instant Poetry (LXVIII)
Beschuß und Weisung
(X-mess)
Stellt ein Sternbild!
Jedem lächelt laut mein Mißgeschick:
Vergangne Kraft,
ihr Halben hofft
auf die azurnen Wellen,
und gar kein Mann, ob nur, ob nah,
sieht, was die Drei am Himmel sehen.
Aus alten Tagen war ihr Licht,
und das Zicklein, dort und öde,
ließ zurück so manchen
Muselmann in Fesseln.
Sonntag, 23. Dezember 2007
Wort für Wort (XXXIV)
"Wenn man ein Makroobjektiv mit 'ner Nahlinse kombiniert, dann müsste man doch fast schon einzelne Schneeflocken photographieren können, oder?"
Instant Poetry (LXVII)
Mittagsnacht
Also, ihr teure Wahrheit, helle!
Glück bekunden, Wald!
Wandelt der farnlose Nixenreigen!
Mord, im Ätherblau,
im glitzerglitzer Reif
des geweihten Orts - nur! heut!
Aber jetzo alles Ruhe;
da flohen wir zu andern Toten ab!
Freitag, 21. Dezember 2007
Tiefenstrukturanalyse (XIX)
Geduld und Erinnern sind oft genug, sagt der Mensch hinter hor.de über die Möglichkeit, späte Genugtuung zu erreichen. Das stimmt.
Mittwoch, 19. Dezember 2007
Freistil (CXIV)
Kollektiv
Sie trieben die ganzen schwarzen Schweine ins Bergwerk hinunter. Ich stand drüben am Turm, die gleißende Herbstsonne genau über der Kuppe des Berges. Aus dieser Entfernung sah es ein bisschen so aus, als würde ein grotesk großer, schwarzer Tausendfüssler in einem Loch verschwinden, gefolgt von eine handvoll Stöcke schwingender bunter Kleckse. Ich zündete mir eine Selbstgedrehte an und dachte über das nach, was Elias über die Theorie hinter der ganzen Sache gesagt hatte. Es machte auf bizarre Weise Sinn und doch hatte ich ein verflucht ungutes Gefühl dabei, was mich allerdings nicht daran hinderte, mich hinzusetzen, die letzten Sonnenstrahlen auf meine Glatze scheinen zu lassen und langsam wegzudämmern, betäubt von Whisky und dem undefinierbaren Zeug, das man hier dem Tabak beimischte. Als nach einigen Stunden einer der Leute wieder nach oben kam, ein bärtiger Typ mit einer roten Kapuze, den ich als den 'Zerrmixer' kennengelernt hatte und in eine silberne Trompete blies (es schien mir kurz, als würde sich die Sonne so darin refektieren, dass das Licht direkt in meine Augen fiel), war ich schlagartig hellwach. Die helle, kurze Tonfolge hatte sich irgendwie in meinem akustischen Wahrnehmungskanal verfangen und spulte sich selbst immer wieder ab. Ich stand auf und ging schwankend auf den Eingang des Bergwerks zu.
"Wir haben es wieder vollbracht". Jannis strahlte. Er war über und über mit Blut besudelt, seine Hände und kompletten Unterarme waren rot, sein Gesicht sommersprossenartig mit trocknenden Spritzern übersäht. "Ich bin beeindruckt", sagte ich. Beim Film nennt man es Wort-Bild-Schere, wenn das, was gesagt wird und das, was die Bilder ausdrücken, auseinanderdriftet. Die Schere zwischen meiner Mimik und meinen Worten war hoffentlich unübersehbar. Ich fühlte nur Abscheu. "Neuling, Du hast keine Ahnung", sagte Elis, "keine Ahnung". Er wiederholte die beiden Worte anschließend noch einmal. Oder war das nur wieder das, was sie Loop nennen und mit der Droge zusammenhängt? Es war mit scheißegal. Ich konnte mit dieser Situation nicht umgehen. Fünf Männer und drei Frauen, die gerade an die sechzig Tiere mit beinahe bloßen Händen umgebracht hatten, um einer von ihnen selbst erfundenen Inspirationsgöttin zu huldigen, an deren Existenz sie nichteinmal im tatsächlichen Sinne glaubten. Umgebracht? Niedergemetzelt. Wie war ich hier hineingeraten? Ich hatte natürlich, wie jeder von uns, schon von primitiven Tieropferritualen gehört. Schließlich kommt sowas sogar in der Bibel vor, oder nicht? Aber das hier was etwas anderes, wahrscheinlich deshalb, weil es nicht nur Literatur war. Weil es nicht in einer lang verflossenen Epoche spielte, sondern im Hier und Jetzt. Weil diese Leute kein primitiver Stamm in der dritten Welt waren. Es war barbarisch, es war wahnsinnig roh. Es war ekelhaft. Und es funktionierte.
Ich blieb. Nach einiger Zeit gewöhnte ich mich an das jährliche Fest. Als ich das vierte Mal daran teilnahm, bemerkte ich, dass ich schon Wochen davor begann, mich heimlich darauf zu freuen. Ich war endlich Teil einer Gemeinschaft, die nur den Zweck verfolgte, Kunst zu erschaffen. Und das Fest verband uns. In manchen Situationen muss man seinen inneren Schweinehund bezwingen. Bei uns muss man ihm freien Lauf lassen. Nach dem fünften Jahr erklärte ich zum ersten Mal einem Neuankömmling, dass er keine Ahnung hätte. Und ich war überzeugt von dem, was ich sagte.
Instant Poetry (LXV)
Options
Mirakelwald, abstraktes Ding,
ich verirrte mich in deinem Dickicht:
Der neunzehnhundertvierundfünfzigfach
verzwurbelt-labyrinth'ne Weg
zweigt ab, zweigt ab und schweigt.
Montag, 17. Dezember 2007
Freistil (CXIII)
Frühmorgends, wenn der Geist offen ist, wach: Ein Mann mit leerem Blick trinkt Bier, ein anderer ißt eine Bratwurst, Mütter kaufen Süßwaren, man sucht Cornflakes, zweimal fünfhundert Gramm, halb so teuer wie die Originalen, in denen nur die Hälfte davon drin ist, quasi vierfach günstiger, die Eier in den 6er Kartons werden kritisch nach solchen mit gesprenkelten Schalen durchsucht (schmecken am Besten), Bohnen in der Gemüsepfanne, ein junger Inder putzt mich mit einem gigantischen Wischmob vom Wurstregal weg, wo war nochmal der Synthiekäse, lieber doch die blaue Nagelbürste, ich brauch' Getränk. Die junge Reporterin begleitet den Oberpfälzer auf der Reise durchs Wunderland Einkaufszentrum. Er ist Kind geblieben in einer Welt, die nichts kindliches hat. Ersteres zumindest hofft er.
Freistil (CXII)
Wildwasserbahnfahrt
Emotionen, viele,
laute und auch leise;
große Stimmen, bunt bezuckert,
schreien und verführen;
Macht und Wahn:
Der selt'ne Einfall
schrammt 'ne Kerbe
in mein Brain
und ich bin nochmal mittendrin
im Karneval.














