Donnerstag, 13. Dezember 2007
Tiefenstrukturanalyse (XVII)
Bedeutung an sich existiert nicht. Sie muss erst geschaffen werden. Die bessere Bedeutung ist dabei immer die, die man selbst schafft, oder noch besser, in Kollaboration mit anderen schafft, so dass man sie auch beim sozialen Interagieren benutzen kann. Dabei gilt in den meisten Fällen: Je weniger Menschen an der Schaffung und Nutzung der jeweiligen Bedeutung beteiligt sind, desto besser ist sie. Kollektive, gesellschaftlich umfassende und erlernte Bedeutungen sind dagegen minderwertig. Darüber hinaus gilt natürlich das, was man „Klischee“ nennt als niederste Form von kollektiver Bedeutung, die einfach jeder versteht und die einen oft derart brutal anspringt, dass man sich ihr nur durch Ignoranz ihre ganzen Existenz entziehen kann.
Freistil (CXI)
Der komplett rationale Amoklauf
Mit zugespitzten Metaphern bewaffnet,
mit stahltürgeschützten Chiffren bewehrt,
von koinzidenzgenerierten Kodeworten verschlossen,
wahnwütig, nicht -witzig,
irre ich, halbverhederrt,
durch das blickdichte Dickicht der Poesie,
das Ziel vor Herzen, vor Augen nichts außer Dir.
Dienstag, 11. Dezember 2007
Fragestunde (II)
a) In welchem Verhältnis stehen für sie die Begriffe "Glauben" und "Wissen" ganz allgemein?
b) Denken sie, dass einer der beiden Begriffe "stärker" ist als der andere? Warum?
Freistil (CX)
Verlust und Gesellschaft
Ein Finger taucht in Deine Stirn,
Konsonantenwetter, unbeblitzt,
wir sangen von der großen Einheit
und tanzten wirr am Rand mit Trommeln.
Wer sich heute Nacht im Nichts verliert,
der mag bleiben, wo der Pfeffer wächst,
mag gaffen, staunen und auch wettern,
wir zieh'n weiter, gänzlich unberührt.
Montag, 10. Dezember 2007
Briefing (IX)
Liebe Doris Lessing,
bitte lassen Sie mich Ihnen etwas erklären: Das Internet ist ein Medium, genau wie ein Buch oder ein Stück Papier, wenn sie so wollen. Wie man es inhaltlich füllt oder wofür man es verwendet, das bleibt (Vorsicht: Große Überraschungserkenntnis!) komplett dem jeweiligen Nutzer überlassen. Dass Sie in ihrer Rede zur Verleihung des Nobelpreises die Literatur und das Internet als diametral zueinander stehend betrachten, beweist, dass Sie genau das nicht verstanden haben. Und dass Sie oben drauf die Behauptung setzten, die Gesellschaft hätte sich noch nie gefragt, wie sich das Leben und die Denkweise durch die Vernetzung verändert hat, scheint mir so absurd, dass ich nur noch den Kopf schütteln kann, aber, und das soll kein Angriff sein, es ist ja nun wirklich nichts außergewöhnliches, wenn man in Ihrem hohen Alter nur eine diffuse Vorstellung von den etwas moderneren (ich scheue mich, hier noch das Wort „modern“ zu gebrauchen) Technologien und Forschungsrichtungen (Stichwort: Medienwissenschaft) hat.
Fragen Sie das nächste Mal doch bitte jemanden, bevor Sie wieder über etwas sprechen, das Sie selbst nicht kennen. Ich biete mich hiermit als Ansprechpartner an.
Ihr gleichermaßen literatur- wie internetaffiner
S. Baumer
Freistil (CIX)
Einkaufsliste, die beim Runterfallen leicht verrutscht ist
Glas Zitronen,
ein Netz Gurken,
zwei Weintrauben,
eine Schale voll Tomaten;
Zwei Pfund Joghurt,
drei Becher mit Gehacktem,
eingeweckte Zigaretten
und 'ne Schachtel Marmelade.
Fragestunde (I)
a) Wenn Sie eine Erinnerung aus Ihrem Gedächtnis löschen lassen könnten, welche wäre das und warum? Falls Ihre Antwort "keine" ist: Warum ist das so? Und was, wenn sie eine Erinnerung löschen lassen müssten?
b) Was wäre im umgekehrten Fall, d.h. wenn sie lediglich eine Erinnerung behalten dürften?
Freitag, 7. Dezember 2007
iDada (XII)
Die Polizei der Polizei (Das Dada-Ei) – Ein Manifest
Der größte Feind der Kunst ist die Kunst selbst. Alles, was als solche von irgendjemandem anerkannt wird, und das man selbst, in welcher Form auch immer, rezipiert, setzt, wenn auch nur unbewusst, Maßstäbe, denen es zu folgen gilt. Man kann keine Kunst machen, ohne zu wissen, was Kunst ist, aber genau dieses Wissen macht es unmöglich, originell zu sein. Selbst der absichtliche Bruch mit dem, in unserer von "Kunst" und "Kultur" (die Anführungszeichen sind sarkastisch gemeint) völlig durchdrungenen Welt, fast automatisch angesammelten Wissen bezieht sich in der Negation implizit darauf, das ist das Dilemma, dem man einfach nicht mehr entkommt und das zu den diversen Diagnosen eines natürlich niemals stattgefundenen "Todes der Kunst" geführt hat, die allerdings, trotz der Tatsache, dass sie, natürlich in Bezug auf die reine Praxis, unbegründet scheinen, schwer zu ignorieren sind. Nachdem die Avantgarde (und ich verwende den Begriff bewusst in einer bestimmten, argumentativ manipulativen Form, die meine später klar werdende Aussage unterstützen soll) mit ihren Readymades und der monochromatischen Malerei quasi am Ende aller Radikalität ankam, d.h. beim Nichts als Kunst gelandet ist und damit ihren eigenen, in der Konzeption schon enthaltene Kreis geschlossen hat (das Nichts als Anfang und Ende aller Kunst), bleibt allein der Dadaismus, oder viel besser, die grundsätzliche Idee der Dadabewegung als Möglichkeit, dem Dilemma zumindest teilweise zu entrinnen. Selbiges passiert bei Dada vordringlich über folgende Ebenen: a) Die Zufälligkeit als Element der Kunst, die eine bewusste Planung und Konzeption ausklammert, den Künstler als Faktor quasi fast (und "fast" ist hier beinahe zu schwach und auch ungenau mit dem Vorargument verknüpft, denn man ging tatsächlich, auch ohne Bezug auf den Zufall, von fabrikartiger, anonymer Kunstproduktion als Idealbild aus) wegsubtrahiert und den Schaffensprozess und vor allem die seit zu langer Zeit existierende Genieästhetik damit gleichzeitig ironisiert b) Die bewusste Aufbrechung aller Schaffensvarianten in kleinste Teile und die anschließende Rekombination derselben auf der Suche nach einer grundlegend neuen Form von "Sinn", die selbst bei der Sprache an sich nicht haltmacht (man denke an Lautgedichte und Collagen, die leider viel zu wenig Aufmerksamkeit durch die Kritik erhalten haben und erhalten, ebenso wie die traurige Tatsache, dass selbige Genres leider untergingen bzw. in den schmutzigen U-Kultur-Niederungen der Pop-Art re-verortet wurden) c) Die Nicht-Wiederholung des Fehlers, den abstrakte oder moderne Kunst (auch hier an eine sehr spezielle Definition denkend) gemacht hat, der darin besteht, in die tragische Situation zu geraten, umso mehr theoretischen Background zur Selbstlegitimation zu brauchen, umso abstrakter die Sache wird (und die zugehörige, bewusste Ironisierung von genau dieser Situation durch Dada mittels Manifesten, die sich selbst für ungültig erklären) d) Die absichtlich kindliche, nicht-voreingenomme oder auch "primitive" (im Sinne von archaisch-kulturelle) Herangehensweise an den Schaffensprozess e) Die absichtliche (an dieses Adjektiv möge man Zweifel anfügen; evtl. ist auch die schlicht vorhandene Heterogenität der beteiligen Künstler Schuld daran; die Tatsache an sich lässt sich aber nicht leugnen) Nicht-Entwicklung einer ausgeprägten eigenen Ästhetik und die damit einhergehende Vermeidung von Klischees in irgendeiner Form.
All das macht das Verständnis der Kunst im Sinne von Dada, selbst wenn es keine Idealform ist, die, wie zu Beginn erläutert, seit dem Ende der radikalen Zuendeformung der (Anti-)Kunst nicht mehr möglich ist, zum eigentlich einzigen noch Akzeptablen für jemanden, der Kunst nicht im Sinne einer vorgeprägten Ästhetik bloß reproduzieren will bzw. kein vordringlich handwerkliches Verständnis von der Sache hat und der nicht auf den reinen Schockeffekt setzen will, den man in der Vergangenheit oft in die Nähe der Dadabewegung verortet hat, wo er im Grunde nichts verloren hat. Die Avantgarde ist am Ende, die Moderne Kunst, die oft den Anspruch hat, noch Avantgarde sein zu wollen, immer stärker theoretischen Gerüsten verpflichtet, Pop-Art hat sich in Werbung und Design völlig funktionalisiert, die abstrakte Kunst kleckst nur noch zweck- und sinnfrei um eine selbstgeschaffene und längst etablierte Ästhetik herum und spielt dabei, wie auch der ganze, im Grunde gar nicht erwähnenswerte Rest nur mit Varianten von bereits Bekanntem. Wir müssen den Geist des Dada neu beschwören, und sei es aus der schlichten pragmatischen Feststellung heraus, dass er die meiste Freiheit für die Kunst verspricht.
Freistil (CVIII)
Glücksanleitung
Such Dir Sinn und mach Dich groß,
nimm zwei Stöcke in die Hand
und fang endlich an zu trommeln,
trommle laut und schrei' dazu,
schrei' Worte wie den Bienenvater,
vierfachbödig, Wolkenpumpen,
brutalst bunt und kreatürlich.
iDada (XI)
Guud-Daggh Es(n)üüm
Schinton Tiong-h
Schinton Tiong-a
Schonesg ainoft estoid (a) hou-diää
Schomfsk esk hominäi(-oh)
A(n)idum äis-naa
Guud-Daggh Es(n)üüm.
Donnerstag, 6. Dezember 2007
Metareflexion, yeah! (XXIII)
Das ganze Schaffensprozedere ist bisher von allen Theoretikern falsch angegangen worden. Kunst muss aus dem Künstler in der Art geboren werden wie z.b. ein Baum einen Apfel hervorbringt, es muss eine natürliche Geburt sein, die in der Folge auch kein blosses Abbilden von irgendwas, das die Natur schon gemacht hat, sein kann, sondern eine völlig eigenständige Frucht erzeugt.
Kunst ist in der Folge dessen selbstverständlich "abstrakt" oder "fremd" für den, der diesen Prozess nicht erkannt hat. Und der ganze Rest ist eher Journalismus.
Mittwoch, 5. Dezember 2007
NeuRosen (XXXI)
Mitten im leeren Zuschauerraum eines Theatersaals mit einer Schlangenmaske vor dem Gesicht sitzend, Menschen zu afrikanischem Gesang betrunken tanzen und singen hörend, verliebte ich mich nicht nur neu in Dich, sondern fand auch ein kleines Teilstück von etwas in mir wieder, das ich vor vielen Jahren verloren zu haben glaubte – der Fähigkeit, mit und vor Fremden zu sprechen ohne innerlich zu sterben. Ich brauche mein Studium gar nicht hinschmeissen, um Schlangenbeschwörer zu werden. Ich bin es nämlich schon.
Dienstag, 4. Dezember 2007
Spam (VI)
Mein Blog funktioniert seit Tagen nichtmehr richtig. Ich bitte um Verzeihung bei dem Stilbruch in der Bildausrichtung. Wer weiß, warum meine Post-Toolbar (der "wysiwyg"-Editor) nicht funktioniert, den bitte ich um Nachricht. Danke.
Instant Poetry (LXIII)
Kleines Manifest am dritten November
Tänze, Masken, Trommeln,
Voodoo, Wut und Fisch.
Es ist wieder Krieg
und der Feind ist die Kunst selbst:
Stürz alles zurück nach Neunzehnsiebzehn,
nimm die Natur
und werde endlich richtig primitiv-
Samstag, 1. Dezember 2007
Der Selbstkritiker (VI)
Dem Blog fehlt es in letzter Zeit an Struktur. Es ist zu bunt, zu chaotisch, zu non-linear. Das ganze sah wesentlich professioneller aus, als sich wiederholend immer zwei Gedichte (oder ein Gedicht und ein anderer Text) und ein Schwarzweißfoto die Klinke in die Hand gaben. Dorthin zurück, das muss das Ziel sein.












